Demolish Police! – Prolog

Seit 2001 liegt St.Pauli in einer polizeilchen Sonderrechtszone, erst im sogenannten „Gefahrengebiet“ 2016 umbenannt in „Gefährlicher Ort“. Nunmehr seit über 20 Jahren! Seit 2016 ist zudem die sogenannte „Task Force Drogen“ im Einsatz.
Wer und was ist gefährdet?
Selbst in der von der Polizei bzw der dort angesiedelten „Forschungsstelle für strategische Polizeiforschung“ (FOSPOL) an Dr. Nadja Maurer vergebenen Studie stellt diese selber fest, das „das über die Dauer nur schwer zu begründende Raumkonzept ‚Gefährlicher Ort‘“ „einen permanenten Eingriff in Bürgerrechte bedeutet“ .
Für Anwohner:innen wie auch Initiativen und Einrichtungen vor Ort birgt der Bericht keine Überraschungen, etwa, dass „im Sozialraum St.Pauli Süd/Balduintreppe eine permanente Konfliktsituation enstanden ist, die mit polizeilichen Mitteln nicht lösbar ist und die Polizei zum Akteur im Konflikt geworden ist“. Sowie „Es kann kaum verwundern, dass viele Anwohner im Quartier die Polizeipräsenz als permanente Belagerung, Kontrolle und ‚Herumschnüffeln‘ wahrnehmen und ablehnen“.
Dennoch wird der Forschungsbericht von einem kurzen Konzept ergänzt, in dem nicht etwa weniger Polizeipräsenz, oder Abschaffung des „Raumkonzepts ‚Gefährlicher Ort‘“ zur Debatte steht.
Stattdessen soll mittels „Multiplikator:innen im Quartier“ mehr Akzeptanz für die permanente Polizeipräsenz geschaffen werden.
Es braucht sozialpolitische statt polizeiliche Ansätze.

Demolish Police!

Stellungnahme zum FosPol Pilotprojekt – GWA St. Pauli

Auf St. Pauli wird zurzeit ein Pilotprojekt unter dem Titel: „Polizei im Quartier – St. Pauli Süd: Beziehungen und Toleranz zwischen Polizei und Bürgern stärken und verbessern“ durchgeführt. Aus gegebenem Anlass möchten wir erklären, warum wir uns an dem Projekt nicht beteiligen.

Zuerst einmal begrüßen wir es sehr, dass die Themen Drogen Task Force und Situation im Stadtteil aufgegriffen werden und sich der Thematik angenommen wird. Seit vielen Jahren sind wir als GWA St. Pauli e.V. mit den Themen Rassismus, Drogen(politik), Migrationspolitik, Gentrifizierung, etc. konfrontiert, befassen uns damit, organisieren Austausch und Diskussion, erhalten Rückmeldung aus dem Stadtteil und versuchen verantwortliche Entscheidungsträger*innen an den Tisch zu bekommen. Um die momentane Konfliktlage nachhaltig zu verbessern, braucht es einen zivilgesellschaftlich organisierten Diskussionsprozess mit allen im Stadtteil – auch mit der Polizei und anderen behördlichen Vertreter*innen. Dieser Prozess muss unserer Auffassung nach allerdings von sozialräumlichen Akteur*innen aus dem Gemeinwesen sowie politischen Entscheidungsträger*innen gestaltet und umgesetzt werden.

Das Pilotprojekt entwickelt und durchgeführt von der Forschungsstelle für strategische Polizeiforschung stellt für uns daher eine Engführung der komplexen Problemlage dar. Die Anfrage zur Teilnahme haben wir abgelehnt, weil wir finden, dass das Konzept Drogen Task Force selbst auf Eignung zu prüfen wäre, die Probleme im Stadtteil zu lösen. Dies muss auf der politisch- demokratischen Ebene diskutiert und verhandelt werden. Die Arbeit an der Beziehung zwischen der Polizei und den Bewohner*innen ist wichtig, kann aber eine reflektierende und grundsätzliche Auseinandersetzung über gesellschaftliche Konfliktlagen nicht ersetzen.

Wir laden herzlich ein mit uns in den Austausch zu gehen bzw. in diesem zu bleiben.

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GWA St. Pauli e.V., April 2022

Quelle: https://gwa-stpauli.de/news-detail/termin/stellungnahme-zum-fospol-pilotprojekt

Offener Brief – Park Fiction Komitee

Sehr geehrte Frau Dr. Maurer,

auch wenn Sie uns nun als „relevante player“ des Stadtteils einstufen, bleiben wir dabei: wir legen keinen Wert auf eine Beteiligung an Ihrem Dialogverfahren mit der Polizei.

Um Ihrer Entpolitisierung der Diskussion entgegen zu arbeiten, haben wir uns entschieden, unsere Antwort als offenen Brief zu formulieren:

1. Falsche Akteure: Aufgabe der Polizei ist es, politische Entscheidungen durchzusetzen. In diesem Fall stehen Drogengesetze, das Ausländer- und Arbeitsrecht einer humanen und gerechten Lösung der Situation an der Balduintreppe im Wege. Mit der Polizei lässt sich keine legale Absprache treffen, die diese Situation ändern könnte, denn sie ist ausführendes Organ.

2. Ebenso ist die „Task Force Drogen“ von der Politik beschlossen, die extrem erhöhte Polizeibestreifung in Kombination mit dem Status als „Gefährlicher Ort“ suspendiert Grundrechte für ganz St. Pauli Süd, hat keines der Probleme gemildert, sondern neue produziert.

3. Community Policing statt Community Organizing: Bestenfalls kann bei Ihrem Verfahren herauskommen, dass sich einige Beamte etwas weniger doof verhalten. Dafür etabliert Ihr „Dialogverfahren“ eine neue Rolle für die Polizei, die als Player in der demokratischen Problemlösung installiert werden soll. Mit dieser Rollenerweiterung wird die Gewaltenteilung umgangen und die demokratische Meinungsbildung unter polizeiliche Aufsicht gestellt.

4. Allein die Art Ihrer Anfrage produziert einen Bekenntnisdruck, der für eine demokratische Gesellschaft unwürdig ist. Verschärfend kommt hinzu, dass Sie, Dr. Maurer, Institutionen und Einzelpersonen offen unter Druck setzen, sich an Ihrem Verfahren zu beteiligen. Darüberhinaus werden Informationen darüber von Ihnen an Politik und Verwaltung durchgesteckt. Damit ist auch der letzte Rest ihrer wissenschaftlichen Unabhängigkeit dahin, aus dem Dialog haben Sie ein Verhör gemacht – ohne richterlichen Beschluss.

Daran werden wir uns nicht beteiligen und fordern die Politik, die Nachbar*innenschaft und die Wissenschaftscommunity auf, jede Kooperation mit Ihnen zu beenden und stattdessen demokratische und selbstbestimmte Formate der Meinungsbildung zu unterstützen.   Hochachtungsvoll,   Park Fiction Komitee   https://park-fiction.net

Open letter
To:
Dr. Nadja Maurer
FOSPOL / Hamburg Police Academy

From:
Park Fiction Committee

Subject:
Your inquiry of April 6, „Citizen dialogue with the police.“

Dear Dr. Maurer,

even though you now classify us as „relevant players“ of the district, we stand by our position: we do not value participation in your dialogue process with the police.

To counter your depoliticization of the discussion, we have decided to formulate our response as an open letter:

1. wrong actors: the task of the police is to enforce political decisions. In this case, drug laws, foreigner and labor laws stand in the way of a humane and just solution to the situation at the Balduintreppe. No legal agreement can be reached with the police that could change this situation, because they are the executive body.

2. likewise, the „Task Force Drugs“ is decided about by politics, the extremely increased police patrols in combination with the status as a „dangerous place“ suspends basic rights for the whole of southern St. Pauli, has not solved any of the problems, but produced new ones.

Community policing instead of community organizing: At best, your procedure may result in some officers behaving a little less stupidly. Instead, your „dialogue procedure“ establishes a new role for the police, who are to be installed as players in democratic problem-solving. This role expansion circumvents the separation of powers and places the democratic formation of opinion under police supervision.

4 The very nature of your request produces a pressure to confess that is unworthy of a democratic society. To make matters worse, you, Dr. Maurer, are openly pressuring institutions and individuals to participate in your proceedings. Moreover, information about it is leaked by you to politicians and administrators. This means that even the last vestige of your scientific independence is gone, you have turned the dialogue into an interrogation – without a judicial decision.

We will not participate in this and call on politics, the neighborhood and the scientific community to end any cooperation with you and instead support democratic and self-determined formats of opinion formation.

Regards,

Park Fiction Komitee

https://park-fiction.net

Quelle: https://park-fiction.net/newsletter-11-police-academy/

Warum wir nicht über Drogen reden wollen, sondern über Rassismus. – Initiative zum Gedenken an Achidi John

Offener Brief an Nadja Maurer: Warum wir nicht über Drogen reden wollen, sondern über Rassismus.

Sehr geehrte Frau Maurer,

nachdem Sie Ihre Studie für die Polizei über den Stadtraum „Balduintreppe“ auf criminologia.de (post vom 13.12.2021) veröffentlicht haben, wollen sie nun mit Ihrem „Pilotprojekt St. Pauli-Süd: Partnerschaft zwischen Polizei und Quartier“ workshops für Anwohner*innen und Polizeibeamt*innen durchführen. In diesen workshops soll „die Rolle der Polizei und deren Auftrag vermittelt“, es sollen „Vorurteile und Misstrauen abgebaut“ und „Themen des Quartiers gemeinsam bearbeitet“ werden.

Die Themen „Struktureller Rassismus in der Polizei“, „Asylpolitik“ und „Kriminalisierung von BtM“ schließen Sie in Ihrer Studie und in den geplanten workshops aus. Diejenigen Anwohner*innen, die das Auftreten der Polizei in St. Pauli Süd grundsätzlich kritisieren, beschreiben Sie in Ihrer Studie als Gruppe, deren Haltung „mit demokratischer Rechtsstaatlichkeit, die … Strafverfolgung qua Legalitätsprinzip … regelt, nicht widerspruchslos vereinbar“ sei. Hinsichtlich der Problematik des illegalisierten BtM-Straßenhandels übernehmen Sie unkritisch die Auffassung der Hamburger Innenpolitik bzw. der Polizei 1 zu 1: BtM-Händler seien fast ausschließlich junge Männer westafrikanischer Herkunft. Und die Polizei sei schließlich qua Gesetzgebung zur Verfolgung verpflichtet.

30 Jahre Stigmatisierung sind genug!

Mit dieser Herangehensweise ignorieren Sie drei Jahrzehnte Erfahrungen mit der Stigmatisierung Schwarzer Menschen durch die Polizei im Zusammenhang mit dem Straßenhandel mit Drogen, und Sie ignorieren die schmerzlichen Erfahrungen der von dieser Stigmatisierung Betroffenen.
Spätestens seit Beginn der 1990er Jahre läuft in Hamburg immer wieder das gleiche Schema ab: Der Straßenhandel wird dämonisiert und bestimmten, an äußerlichen Merkmalen erkennbaren Personengruppen, zugeschrieben. Sog. „szenetypisches“ Verhalten wird eruiert, notfalls konstruiert. Spezialeinheiten der Polizei werden eingesetzt, um „offene Drogenszenen“ in Schach zu halten. In welchem Ausmaß dieses Vorgehen zur rassistischen Verfolgung, Demütigung und Misshandlung Schwarzer Menschen, insbesondere junger Männer mit nicht gesichertem Aufenthaltsstatus aus afrikanischen Ländern, geführt hat, ist seit dem Hamburger Polizeiskandal bekannt. Konsequenzen, die an der Fixierung von Polizeibeamt*innen auf Schwarze Menschen als potentielle Händler illegalisierter BtM etwas ändern könnten, wurden nicht gezogen. Im Gegenteil: Hamburg hat nicht vor der Brechmittelfolter halt gemacht, die im Jahr 2001 Achidi John das Leben kostete.

Seit 2016 patroulliert nun die Task Force Drogen in St. Georg, dem Schanzenviertel und St. Pauli Süd. Anwohner*innen in St. Pauli Süd nehmen wahr, dass sich Schwarze Menschen kaum im Bereich der Balduintreppe, ohne von der Polizei kontrolliert zu werden. Schwarze Anwohner*innen machen die Erfahrung, dass sie von der Polizei verdächtigt und verfolgt werden. Der institutionelle Rassismus, auf dem diese Verhältnisse beruhen ist manifest. Ihn zu ignorieren, und „daran vorbei“ die „Probleme des Viertels“ aufarbeiten zu wollen, kann nur dazu beitragen, ihn zu legitimieren und weiter zu verstetigen.

Verständnis für den Status Quo?

Die Strafverfolgungspflicht, die sie ansprechen, besagt, dass Staatsanwaltschaft und Polizei bei einem konkreten Verdacht im Einzelfall Ermittlungen aufnehmen müssen. Die Strafverfolgung von Delikten nach dem Betäubungsmitelgesetz ist bei den überbordenden Polizeieinsätzen in St. Pauli jedoch von untergeordneter Bedeutung. Insbesondere die Task Force Drogen geht hier mit den Mitteln des Polizeirechts vor, die nicht voraussetzen, dass der konkrete Verdacht einer Straftat vorliegt. Dementsprechend werden die polizeirechtlichen Befugnisse, z.B. Identitätskontrollen, inflationär und wahllos gegen Schwarze Menschen genutzt. Dieses Vorgehen ergibt sich keineswegs aus gesetzlichen Bestimmungen, sondern beruht auf politischen Entscheidungen.
Das Konzept des „Gefährlichen Ortes“, das dieses Vorgehen ermöglicht bzw. erleichtert ist rechtsstaatswidrig und führt in St. Pauli de facto dazu, Schwarze Menschen als polizeirechtliche „Störer“ zu definieren und zu verfolgen. Diejenigen Initiativen und Anwohner*innen, denen sie ein „gebrochenes Verhältnis zum Rechtsstaat“ attestieren wollen, fordern deshalb schon lange die Aufhebung der polizeirechtlichen Definition des Gebiets um die Balduintreppe als „Gefährlicher Ort“ und die Abschaffung der Task Force Drogen.

Ginge es darum, in St. Pauli Straftaten nach dem Betäubungsmittelgesetz aufzuspüren, müsste die Polizei z.B. auch mittels häufiger Razzien in den Diskotheken, Bars und Clubs nach den Leuten fahnden, die sich verbotener Weise an der Balduintreppe oder anderen Orts mit illegalisierten Drogen eingedeckt haben. Die Käufer*innen, die die Nachfrage für illegalisierte BtM schaffen, bleiben jedoch weitgehend unbehelligt. Statt dessen stürzen sich die Beamt*innen auf die als BTM-Händler stigmatisierten Schwarzen Menschen.

Diese Vorgehensweise beruht nicht auf den Entscheidungen einzelner Beamt*innen, sondern entspricht ihrem innenpolitischen Auftrag. Dieser besteht darin, die „öffentlich wahrnehmbare Drogenkriminalität“ an der sich „nach polizeilichen Erkenntnissen überwiegend Personen afrikanischer Herkunft“ beteiligen, die u.a. wegen des „Antreffortes“ identifizierbar seien, mit polizeilichen Maßnahmen zu bekämpfen (so z.B. Antwort des Senats auf die Parlamentarische Anfrage 21/4570). Selbst wenn Polizist*innen diesen Auftrag kritisieren sollten, könnte keine*r von ihnen aus eigenem Ermessen etwas daran ändern. Was also sollen Anwohner*innen mit Polizist*innen besprechen? Dass die Polizei hier nur „ihren Job“ macht?

Ein Stadtviertel kann nicht die Probleme der Welt lösen. Aber die Bewohner*innen eines Viertels können entscheiden, wie sie reagieren, wenn die Probleme der Welt bei ihnen anklopfen.

Die Ursachen dafür, dass einige junge Männer aus afrikanischen Ländern tatsächlich dealen, sind Armut und eine diskriminierende, strukturell rassistische deutsche Rechtslage. Ob afrikanische Märkte mit in der EU subventioniertem Hühnerfleisch oder mit hier von karitativen Organisationen gesammelten Altkleidern überschwemmt werden, oder ob das Preisdiktat westlicher Großkonzerne für Kakao zu Kinderarbeit auf afrikanischen Plantagen führt: Der afrikanische Kontinent wird noch immer zu unseren Gunsten auf vielfältige Weise wirtschaftlich ausgebeutet.

Die Lage, in der sich diejenigen afrikanischen Menschen, die in die BRD migrieren, befinden, ist Ihnen bekannt: Residenzpflicht und Aufenthaltsbeschränkungen, oft auf kleine Orte im Osten Deutschlands, Beschäftigungsverbote bzw. hohe Hürden für eine legale Beschäftigung führen dazu, dass sich viele „unerlaubt“ in die Städte begeben, um Anschluss an Communities von Landsleuten zu bekommen und wenn möglich doch irgendeinen Job zu finden. Diese Bedingungen tragen entscheidend zu einem stetigen Nachschub an Kandidat*innen für illegalisierte Arbeitsmärkte, u.a. den Straßenhandel mit BtM, bei. Wenn Anwohner*innen diese Situation berücksichtigen und eine Abkehr von der polizeilichen Verfolgung Schwarzer Menschen im Bereich der Balduintreppe fordern, wenn es ihnen gelingt, mit denjenigen Männern, die tatsächlich BtM verkaufen, Absprachen zur Sozialverträglichkeit des Straßenhandels zu treffen, ist dies eine begrüßenswerte Suche nach friedlichen Lösungen für Probleme, die von den Behörden unter Einsatz von psychischer und physischer Gewalt angegangen werden.

Wie Sie in Ihrer Studie richtig schreiben, geht es um soziale Probleme, die die Polizei nicht lösen kann. Diese Probleme wären nur mit sozialpolitischen Mitteln bearbeitbar, sowie mit der Abschaffung der Residenzpflicht und von Beschäftigungsverboten bzw. mit einem ungehinderten Zugang zu Ausbildung und Beschäftigung für die jungen Männer, die sich u.a. an der Balduintreppe treffen. Hier könnte Hamburg mehr tun, wenn es wollte.

Ihre Workshops für Anwohner*innen und Polizist*innen führen hier nicht nur nicht weiter. Indem Sie offensichtlich die grundsätzliche Kritik von Teilen der Anwohner*innenschaft als rechtsstaatlich problematisch denunzieren, stellen Sie vermeintlich „rechtschaffene“ vermeintlich „staatsfeindlichen“ Anwohner*innen gegenüber. Die Gefahr, dass dies das Viertel spaltet, anstatt zu tragbaren Verhältnissen für alle beizutragen, liegt auf der Hand.

Aus diesen Gründen fordern wir Sie auf, von Ihrem Projekt Abstand zu nehmen.

Initiative zum Gedenken an Achidi John

initiative_achidijohn at systemli org

Wir müssen reden! Aber nicht so – St. Pauli selber machen

Statement von St. Pauli selber machen zum Pilotprojekt St. Pauli-Süd: Partnerschaft zwischen Polizei und Quartier

Die „Forschungsstelle für strategische Polizeiforschung“ (kurz FOSPOL) der Akademie der Polizei hat die freischaffende Sozialanthropologin Nadja Maurer beauftragt eine „Multi-Stakeholder-Konfliktanalyse im Stadtraum: Balduintreppe“ zu erstellen und Maßnahmen vorzuschlagen.

Die aus der Studie abgeleiteten Maßnahmen sollen nun in einem Pilotprojekt St. Pauli-Süd mit dem Titel „Partnerschaft zwischen Polizei und Quartier“ umgesetzt werden. Die Mission dabei: „Aufbau gesunder und verbindlicher Beziehungen, um Vertrauen und Toleranz zu steigern und das Niveau der Ablehnung gegen die Polizei zu reduzieren.“ In einem mehrmonatigen Workshop-Format für Polizist*innen und Anwohner*innen in St. Pauli-Süd soll „im Dialog die Rolle der Polizei in der Gesellschaft und deren Auftrag vermittelt“ werden.

Als St. Pauli selber machen haben wir uns seit 2016 immer wieder mit den Themen Drogen Task Force, Polizeipräsenz im Stadtteil, Gefahrengebiete bzw. „Gefährlicher Orte“ beschäftigt.
Wir begrüßen es, dass nun auch von offizieller Seite anerkannt wird, dass hier Diskussions- und Handlungsbedarf besteht.

Aus unserer Sicht stellt der Ansatz der FOSPOL allerdings eine Engführung der komplexen Problemlage dar und ist damit nicht nur ein viel zu kleiner Schritt, sondern vor allem auch einer in die falsche Richtung: Sowohl in der Untersuchung als auch im Pilotprojekt werden die aus unserer Sicht grundlegenden Problemlagen (institutioneller Rassismus, Asyl-/Migrationspolitik, Drogenpolitik) explizit nicht behandelt. Stattdessen sollen in Workshops Vorurteile und Misstrauen abgebaut werden. Dies soll der „Stärkung moderater Kräfte im Viertel“ dienen. Es geht also offenbar nicht um die Bedürfnisse aller Anwohnenden in diesem Konflikt (erst recht nicht um die von den Polizeimaßnahmen in erster Linie Betroffenen), sondern schlicht um die Legitimation und Erleichterung der Polizeiarbeit. Dem Konflikt liegt jedoch ein politisches Problem zugrunde, das auch nur politisch gelöst werden kann. Daher lehnen wir dieses Pilotprojekt ab und fordern dazu auf, nicht daran teilzunehmen!

Das Pilotprojekt erinnert uns stark an die Pseudo-Beteiligungsshows für stadtentwicklungspolitische (Groß-)Projekte, nach der altbekannten Devise: „Wir reden nicht grundsätzlich darüber, ob das Projekt überhaupt kommen soll, sondern nur darüber, welche Fassadenfarbe es haben wird“.

Deshalb sagen wir: Ja, wir müssen reden! Aber nicht so!

Quelle: https://www.st-pauli-selber-machen.de/wir-muessen-reden-aber-nicht-so/

Redebeitrag auf der Demonstration am 13.12.

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen.

Willkommen im Gefahrengebiet! Für die heutige Demonstration hat uns eine Dr. Nadja Maurer Stichworte geliefert und ich möchte ihr hierfür ausdrücklich danken. Ohne sie müssten wir über Polizeigewalt, strukturellen Rassismus und den verschiedenen Formen der Repression reden; Themen von denen die meisten von uns schon be- und getroffen wurden.

Natürlich lässt sich das alles zum tausendsten Mal behandeln; ungemein erfrischender aber ist das Folgende allemal. Beauftragt wurde Doc Maurer von der FOSPOL.

Diese geheimnisvolle Abkürzung steht für “Forschungsstelle für strategische Polizeiforschung“. Das hört sich ziemlich profan an, macht die Mauerer aber umgehend wett, indem sie eine Arbeit mit einem echten Monster von Überschrift raushaut:

Achtung:

MULTI-STAKEHOLDER-KONFLIKTANALYSE IM STADTRAUM: “BALDUINTREPPE“

Dahinter verbirgt sich nicht weniger als eine (Zitat) “Konfliktanalyse Februar bis Mai 2021 um die Situation für alle Akteure im Sozialraum nachhaltig zu verbessern.“

Wenn ich euch im Gefahrengebiet St. Pauli willkommen habe, so ist das wohl falsch. Richtiger befinden wir uns laut Dr. Maurer, im (Zitat): “Sozialraum St. Pauli-Süd“. Dieser Sozialraum ist zugepackt mit Bullen, uniformiert oder zivil, mit unterschiedlichen Dienstgraden aus verschiedenen Kasernen und Wachen, mit Schusswaffen, Knüppeln, Handschellen ausgerüstet mit dem unmissverständlichen Auftrag den Sozialraum St. Pauli Süd aufzuräumen.

Leider möchte der Sozialraum St. Pauli Süd das nicht und macht das mit unterschiedlichen Handlungen auch deutlich.

In dererlei Situationen reagiert die Polizei in einem Sozialraum wie hier mit,

a) noch mehr Polizei, erweiterten Rechten für die Beamten, verstärkter Bewaffnung derselben, sowie mit reichlich Observation. Falls das immer noch nicht wirkt, werden Menschen wie Frau Doktor Mauerer beauftragt, mit

b) der Erforschung dieser vertrackten Situation. Also den Bullen erklären, warum alle im Sozialraum sie mindestens irgendwie doof finden.

Die Grundlagen ihrer Analyse sind unter anderem (Zitat),

  • Regelmäßige und kontinuierliche Sozialraumbegehungen zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten. Strukturierte Beobachtung, Protokollierung.
  • Besuch von Kundgebungen
  • Durchführung von 30 semistrukturierten, qualitativen Interviews
  • Teilnehmende Beobachtung und Besuche im zuständigen PK15
  • Gespräche mit Polizisten, Anwohnern, und zivilgesellschaftlichen Akteuren.“

Frau Doktor. Sie haben also auch Kundgebungen besucht um, tja, um eigentlich welche Erkenntnisse in ihre Analyse einfließen zu lassen?

Dass es Menschen gibt, die von der Polizei drangsaliert, verprügelt, belästigt und observiert werden? Dafür braucht man ein Studium?

Und so richtig mit ihnen reden wollten nur wenige der Anwohner*innen? Crazy. Warum wollten die das nicht? Ewiges Rätsel Anwohner*innen aus dem Sozialraum St. Pauli Süd.

Erfreulicherweise standen nicht alle Menschen ihrer Arbeit für die Forschungsstelle strategische Polizeiforschung so ablehnend gegenüber. Wie sie schreiben zeigte sich (Zitat), “die Polizei in weiten Teilen sehr kooperativ und konstruktiv. Vor allem an der Wache nahm man sich viel Zeit und es wurden proaktiv Vorschläge gemacht, mit wem es sich noch lohnen würde zu sprechen.“

Die Polizei war also dabei hilfreich eine Analyse für die Akademie der Polizei zu erstellen? Sachen gibt’s. Da bekommt der schöne Satz von der Polizei, die dein Freund und Helfer ist, nochmal eine ganz andere Bedeutung.

Noch so eine Überraschung (Zitat), “der Konflikt lässt sich nicht auf lokaler Ebene bearbeiten.“ Für sie neu hingegen ist nämlich (Zitat), “dass es Geschehnisse (gibt), die sich woanders ereignen, stärker ins Bewusstsein geraten und sich zu einem Narrativ verdichtet (…), das eine strukturelle Faktizität nahelegt. Befragte nannten als aktuelle Beispiele den NSU-Komplex, die Tötung des Afroamerikaners George Floyd in
Minneapolis 2020, oder die fehlgeleiteten Ermittlungsfährten der Morde in Hanau.“

Das, was für sie neu ist, ist uralt. Wir nennen es Solidarität.

Und nichts für ungut, aber für den Satz von den “fehlgeleiteten Ermittlungsfährten der Morde in Hanau“ haben sie eine Schelle verdient.

Vermutlich gibt es dann Ärger mit ihren Beamten. Aber das ist dann meine private Tasse Tee, weil (Zitat) “Die befragten Polizisten sahen (das, ihre Arbeit), insgesamt viel weniger eine vertikal verlaufende Konfliktlinie als die Anwohner. Dies könnte damit zu tun haben, dass sie an ihrem Arbeitsplatz fokussiert sind auf polizeiliche Aufgabenerfüllung und konkrete Situationen nicht wie viele Bürger vor Ort in einen politischen Kontext stellen.

Frau Doktor, falls sie zu abschließenden Feldstudien hier anwesend sein sollten, lassen sie mich ihnen mit drei brandneuen Erkenntnissen weiterhelfen:

Wir sind fokussiert.

Wir stellen das, was hier täglich passiert in einen politischen Kontext.

Wir sind – egal wo – solidarisch mit allen die unter Polizeigewalt und Repression zu leiden haben.

In diesem Sinne Happy 13.12.!
Ganz Hamburg hasst die Polizei!